Sophie Fetthauer:
Musikverlage im "Dritten
Reich" und im Exil,
586 Seiten, Zweite Auflage, ISBN:
978-3-932696-74-9, 58,00 Euro
(=Musik im "Dritten Reich" und im Exil, Bd.
10)
Musikverleger und ihre Unternehmen wurden nach 1933 Angriffsziel
der nationalsozialistischen Politik, sei es durch die "Gleichschaltung" und
"Arisierung" ihrer Unternehmen und der zugehörigen Institutionen, sei es durch
Berufsverbote, Zensurmaßnahmen und schließlich Deportation und Mord. Umgekehrt
wurden sie aber auch zu Gehilfen des NS-Staats, etwa durch die Durchführung von
"Arisierungen" und die damit verbundene Enteignung der Verfolgten sowie die
vorauseilende Selbstzensur und Produktion eines der NS-Ideologie nicht nur
gemäßen, sondern diese auch fördernden Verlagsprogramms.
In Folge dessen gab es erhebliche Veränderungen
bei den Musikverleger, - bei den Eigentumsverhältnissen hinsichtlich der
Musikverlage sowie im Repertoire der Musikverlage sowohl im Deutschen Reich als
auch in den Exilländern. Die Geschichte der Musikverlage zwischen 1933 und 1945
ist Teilgebiet der Forschung zur Musikgeschichte im „Dritten Reich" und der in
enger Beziehung zu ihr stehenden Exilmusikforschung. Dieser Abschnitt deutscher
Musikgeschichte wird mit der vorliegenden Arbeit erstmals thematisiert.
Untersucht werden die
Umgestaltung der Musikverlagsbranche 1933 bis 1945 aus Sicht der
NS-Institutionen, Verfolgung von Musikverlegern seit 1933 (von den
"Arisierungen" der Verlagshäuser bis zur Ermordung von Verlegern),
Zensurmaßnahmen des NS-Staats im Bereich der Musikeditionen (Verbote
"nichtarischer", "entarteter", "feindstaatlicher" Musik, Umtextierungen,
Neuübersetzungen, Förderung von NS-Musik usw.) und die Verlagsgründungen und
Berufsausübung jener Musikverleger, denen die Flucht ins Exil
gelang.
Die Darstellung fußt auf
umfangreichem Quellen- und Archivstudium. In einem Anhang findet der Leser ein
biographisches Lexikon mit ca. 190 Einträgen, in denen Lebenswege verfolgter
Musikverleger und im Verlagswesen tätiger Personen dokumentiert
werden.
Sophie Fetthauers
grundlegende Arbeit schließt eine lang gehegte Lücke in Musikgeschichte
Deutschlands und darüber hinaus mancher Exilländer.
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Kundgebung des Deutschen Musikalien-Verleger-Vereins, Fachverband E der Reichsmusikkammer am 27. April 1934 im Buchhändlerhaus in Leipzig in Anwesenheit von Richard Strauss, Präsident der Reichsmusikkammer. (Musikalienhandel. Jg. 36. Nr. 6. 18.5.1934. Titelseite). |
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Die Besprechung Albrecht Dümlings in der „neuen musikzeitung“
9/2004, S. 41
Die Stunde Null ist eine Illusion
Eine Studie zu Musikverlagen im Nationalsozialismus
In den Chroniken deutscher Musikverlage werden die braunen Jahre meist nur
knapp gestreift. Über bereitwillige Anpassungen an die neuen Verhältnisse,
Veränderungen in den Katalogen und über das Schicksal rassisch oder politisch
verfolgter Komponisten oder Verlagsmitarbeiter erfährt man fast nichts.
Verlage, die von Arisierungen profitierten, verschwiegen bislang diese
peinliche Tatsache oder bezeichneten sich sogar selbst als Opfer. Auch viele
Betroffene wagten keine offene Auseinandersetzung. Erst seit kurzem fällt Licht
in das Dunkel. Nachdem auch die GEMA anlässlich ihres Jubiläums zur Aufklärung
beitrug, liefert nun Sophie Fetthauer den umfassendsten Beitrag zum Thema. Die Hamburger
Musikwissenschaftlerin, die schon in einer Geschichte der Deutschen Grammophon
kompetenten Umgang mit NS-Quellen bewiesen hatte, konnte trotz Kriegszerstörung
von Archiven und trotz Zurückhaltung mancher Verleger eine beeindruckende
Materialfülle zusammentragen.
Das damals weltweit führende deutsche Musikverlagswesen hatte sich 1933 dem
Regime widerstandslos angepasst, erhoffte es sich doch einen Ausweg aus dem
durch die Weltwirtschaftskrise bedingten Rückgang im Notengeschäft.
„Nichtarier" im Vorstand des Verlegerverbands DMVV wurden durch NSDAP-Mitglieder
ersetzt. Schon im Juni verpflichtete sich der Verband, das deutsche Musikleben“von
allen artfremden, minderwertigen und anstößigen Erzeugnissen“ zu säubern. Dies
betraf wie Willy Strecker gegenüber Strawinsky erläuterte, vor allem
Kommunisten und Juden und sei deshalb zu begrüßen.
Trotz solcher „Säuberungen" und trotz vehementer Polemik gegen Judentum
und Kulturbolschewismus durften „Nichtarier" überraschend lange in ihrem
Beruf verbleiben. Wie Fetthauer nachweist, waren für das Regime wirtschaftliche
Motive in letzter Instanz wesentlicher als Kulturpolitik. International
bekannte Unternehmen wie Peters und Eulenburg blieben noch bis 1938 unter der
Leitung ihrer jüdischen Besitzer, da sie erhebliche Deviseneinnahmen
erbrachten. Auf diese Weise konnte der Umsatz-Rückgang Mitte der dreißiger
Jahre annähernd ausgeglichen werden.
Dennoch fanden schon vor 1938 Arisierungen statt. Am frühesten aktiv wurde
dabei der Volkswirt Hans C. Sikorski. Er war Partner von Max Winkler, dem
Gründer und Leiter einer geheimnisvollen Cautio Treuhand GmbH, die im Auftrag
von Goebbels etwa 1.500 Zeitungsverlage übernahm und über 2.000 Zeitungen in
den Zentralverlag der NSDAP eingliederte. Über Arisierungen von Musik- und Bühnenverlagen
für die Cautio kam Sikorski ab 1935 ins Musikgeschäft. Nachdem er bald
Miteigentümer der zuvor treuhänderisch geführten Unternehmen geworden war,
fügte er ab 1938 seiner Berliner Verlagsgruppe die Dr. Hans C. Sikorski KG
Leipzig hinzu, die aus den von ihm „arisierten" Verlagen Benjamin, City,
Rahter und Simrock bestand.
Der „Anschluß“ Österreichs hatte die heiße Phase der Arisierung ausgelöst. Damals
begann, wie Sophie Fetthauer schreibt, ein „regelrechter Raubzug". Zu den
kostbarsten Objekten gehörten der Wiener Bühnen- und Musikalienverlag
Weinberger, der viele Weltrechte unter anderem für Johann Strauß, Franz Lehár
und Robert Stolz besaß, sowie die Universal Edition. Zu einem günstigen
Kaufpreis, der sich innerhalb kürzester Zeit amortisierte, konnte Sikorski sich
den Weinberger-Verlag sichern, während die Universal Edition nacheinander durch
mehrere Hände wanderte. Das Rennen machte schließlich der frühere Schott-Mitarbeiter
Dr. Johannes Petschull, der sich schon bei der Übernahme des Leipziger
Traditionsunternehmens C. F. Peters „bewährt" hatte. Er profitierte neben
Sikorski am meisten von Verfolgung und Exodus „nichtarischer" Musikverleger.
Die Autorin, die bei ihren Recherchen auch von Sikorskis Sohn unterstützt
wurde, stellt die oft komplizierten und im Rahmen der damaligen Legalität
durchgeführten Transaktionen sachlich und nur selten wertend dar. Insgesamt,
schreibt sie, sei Hans Sikorskis Position im NS-Staat „nicht eindeutig".
Diese Zurückhaltung erklärt sich aus den oft verwickelten Sachverhalten, aber
wohl auch aus der Brisanz des Themas. Verwickelt ist die Situation auch beim
Musikverlag C.F. Peters. Obwohl Henri Hinrichsen, dem einstigen Eigentümer, von
der ihm beim Zwangsverkauf zugesagten Geldsumme nach der Flucht fast nichts
blieb und er selbst 1942 in Auschwitz ermordet wurde, konnte sich Petschull
nach 1945 mit dessen Sohn Walter Hinrichsen einigen. Dieser war als
US-amerikanischer Kulturoffizier nach Leipzig gereist, wo er das Verlagshaus
Peters wieder für seine Familie in Besitz nahm. Überraschend beließ er dabei
den „Ariseur" in seiner Position als Geschäftsführer. Hintergründe einer
solchen Einigung ahnt man, wenn man liest, dass die Rückübertragung kurz vor
dem Einmarsch der Roten Armee stattfand und Hinrichsen auch die inzwischen angeschlossene
Universal Edition erhalten sollte.
Wie immer es dazu kam: Hinrichsen erhob schließlich Anspruch auf ein anderes
arisiertes Unternehmen. Damit bestätigt sich die traurige Beobachtung, dass in einem Terrorregime Grenzen
zwischen Tätern und Opfern teilweise verfließen und in Grenzsituationen Opfer
sogar zu Komplizen werden. Im Hintergrund dieses sachlichen Berichtsdürften
mehrere Kriminalgeschichten stehen, die noch zu schreiben sind.
Insgesamt konnte die Autorin 190 Verfolgte aus dem Verlagsbereich ausfindig
machen. Einige von ihnen starben auf der Flucht oder in Konzentrationslagern, während
viele ihre Tätigkeit im Ausland fortsetzten. Als wichtigstes Aufnahmeland
erwies sich Großbritannien, dessen Musikverlagswesen Persönlichkeiten wie Adolf
Aber, Hermann Benjamin, Otto Blau, Kurt Eulenburg, Otto Fürstner, Max Hinrichsen,
Alfred Kalmus, Ernst Roth, Richard Schauer und Erwin Stein wesentlich
verbesserten und internationalisierten. Sie trugen zur Verbreitung der ihnen
vertrauten mitteleuropäischen Musik, etwa von Béla Bartók, Gustav Mahler und
Richard Strauss, bei, förderten aber auch britische Komponisten. So wurde Erwin
Stein zum wichtigsten Mentor Benjamin Brittens. Anders als für Interpreten
erwiesen sich die USA für Verleger als weniger attraktiv, was an der schlechteren
Urheberrechtssituation und dem abweichenden Repertoire lag. Dennoch konnte Hans
Heinsheimer den Musikverlag Schirmer zu ber trächtlichen Katalogerweiterungen
bewegen. Hatte der Leipziger Peters-Verlag sich vor allem um klassische Meister
verdient gemacht, so wurde die C. F. Peters Corporation New York unter Max Hinrichsen
zum Verlag von John Cage, Elliott Carter, John Cowell, Lou Harrison und anderer
Avantgardisten.
Dank der Kompetenz und Tatkraft der aus ihrer Heimat geflohenen Musikverleger
blühte diese Branche im Ausland auf. Die von den Nazis begonnene Aushöhlung des
deutschen Musikverlagswesens führte der Bombenkrieg grausam weiter. Vor allem
Leipzig erlitt immense Verluste. Dennoch gab es auch hier keine „Stunde
Null". Denn trotz Krieg und trotz Entnazifizierungs- und
Restitutionsverfahren behielten Hans C. Sikorski und Johannes Petschull
innerhalb der Branche die gewichtige Position, die sie den Arisierungen
verdankten. Zum gesamten Themenbereich ist, wie Sophie Fetthauer im Nachwort
betont, noch viel Detailforschung zu leisten. Ihr gründlich recherchiertes
Buch, zu dem auch Kurzbiographien verfolgter Verleger gehören, liefert dafür
eine Grundlage.
Albrecht Dümling
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Von der selben Autorin ist im Verlag erschienen:
Sophie Fetthauer: Die
Deutsche Grammophon im "Dritten Reich", 248 S., ISBN 978-3-932696-38-1, 35,00
Euro (der Titel ist vergriffen)
Die Deutsche Grammophon war während des "Dritten Reichs" eines
der führenden Schallplattenunternehmen. Die allgemeinen Bedingungen der
Schallplattenindustrie in dieser Zeit sowie die wirtschaftlichen und das
Repertoire betreffenden Entwicklungen bei der Deutschen Grammophon, die
"Gleichschaltung" und Einbindung in die NS-Propagandamaschinerie, die Situation
während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg stehen im Mittelpunkt dieses
Bandes.
Besprechungen
- in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, H. 1, 2003,
S. 108 f. (Ingo Böhle)
- in: Die Musikforschung. 55. Jg., H. 4, Okt.-Dez.
2002, S. 475 (Eva Rieger)
- in: Rundfunk und Geschichte. 27. Jg., H.3/4,
2001, S. 189 (Ansgar Diller)
Aus:
Österreichische Musikzeitschrift, 58. Jg., 6/2003, S.
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Sophie Fetthauer: Deutsche Grammophon.
Geschichte eines Schallplattenunternehmens im "Dritten Reich". (Musik im "III.
Reich" ..., Hg. Hanns-Werner Heister/Peter Petersen, Bd. 9) Hamburg, Von Bockel
2000, 247 S., 35 Euro
Endlich liegt eine grundlegende
Studie über die NS-Vergangenheit der Deutschen Grammophon, des bedeutendsten
deutschen Schallplatten-Unternehmens, vor. Sophie Fetthauer hat für ihr Buch
zahlreiche Quellen (nicht nur das Archiv der Deutschen Grammophon selber)
erschlossen und wichtige Fakten zutage gefördert. Ihre Darstellung gibt
schließlich ein sehr differenziertes Bild von der Lage und den Aktivitäten des
Unternehmens bzw. seiner Mitarbeiter im III. Reich. Danach hat die Deutsche
Grammophon in unterschiedlicher Weise die NS-Propagandamaschinerie bedient: Ab
1933 vertrieb das Unternehmen eigene sogenannte "NS-Aufnahmen" sowie "Märsche
und Lieder der nationalen Erhebung", die NS-Marschmusik- und Sprachaufnahmen
enthielten. Ab spätestens 1934 stellte es auch Propagandaschallplatten für die
Zentralstelle für deutsche Kulturfunksendungen, eine Dienststelle im
Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, her. Die Aufnahmen wurden
bei der Rundfunkpropaganda und bei der Truppen- und Arbeiterbetreuung
eingesetzt.
Diese Zusammenarbeit ist nach 1945 kaum
jemals thematisiert worden, ebenso wenig die Beschäftigung von Zwangsarbeitern
in der Fabrik der Deutschen Grammophon in Hannover. "Auch dass die
Führungskräfte der Deutschen Grammophon, Hugo Wunsch und Walter Betcke,
Mitglieder der NSDAP waren und dass sie von der Emigration Bruno Borchardts und
Fritz Schönheimers 1933 profitierten, wurde in den bisherigen Darstellungen
nicht ausgeführt."
Andererseits geriet die Deutsche
Grammophon selbst in die Schusslinie des Regimes: Aus der Sicht mancher seiner
Vertreter galt die Firma aufgrund der jüdischen Herkunft einiger Mitarbeiter als
jüdisches Unternehmen. Sie wurde in der Presse angeprangert, weiterhin
Schallplatten jüdischer Musiker im Programm zu führen. 1942 kam es sogar zu
einer Razzia durch die Gestapo, und es mussten in großem Umfang sogenannte
"unerwünschte" Schallplatten zerstört werden.
So zeigt
sich die Deutsche Grammophon als ein Mikrokosmos der deutschen Gesellschaft: Auf
der einen Seite musste man sich einschränken, was den Konsum betrifft und die
persönliche Freiheit, auf der anderen konnte man profitieren, wenn es um die
Ausrichtung auf Verfolgung und Vernichtung ging. Nach 1945 aber hatte man
keinerlei Probleme, sich als Opfer des Nazi-Regimes darzustellen. Die Frage,
inwieweit der Rundfunk als Zentrum der nationalsozialistischen Propaganda auf
die Schallplattenaufnahmen und -produktionen der Deutschen Grammophon angewiesen
war und die Fabrik des Unternehmens in Hannover aus diesem Grund während des
Zweiten Weltkriegs nicht geschlossen wurde, ist nie gestellt worden. Der Autorin
ist es zu danken, dass ihr jetzt nicht mehr ausgewichen werden
kann.
Gerhard Scheit
Über die Autorin: Sophie Fetthauer, geboren 1971 in Hamburg, Studium der Historischen und Systematischen Musikwissenschaft sowie der Germanistik in Hamburg, 1998 Magister Artium, 1998 Forschungsauftrag für die Deutsche Grammophon, Hamburg über die Geschichte des Unternehmens im "Dritten Reich", Forschungsarbeiten im Rahmen der Arbeitsgruppe Exilmusik an der Universität Hamburg zum "Reichs-Brahmsfest" 1933 und zur Komponistin Vally Weigl, 2002 Abschluss einer Dissertation über "Musikverlage im ‚Dritten Reich’ und im Exil", von Mai 2003 bis Januar 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin für das Forschungsprojekt "Musik und Gender im Internet" an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, November 2003 bis April 2004 sowie seit Februar 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin für das Projekt Online-Lexikon exilierter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg.