Mathias Lehmann:
Der Dreißigjährige Krieg
im
Musiktheater während der NS-Zeit.
Untersuchungen zu politischen Aspekten der
Musik am Beispiel von Karl Amadeus Hartmanns "Des Simplicius Simplicissimus
Jugend", Ludwig Mauricks "Simplicius Simplicissimus", Richard Mohaupts "Die
Gaunerstreiche der Courasche", Eberhard Wolfgang Möllers und Hans Joachim
Sobanskis "Das Frankenburger Würfelspiel" und Joseph Gregors und Richard
Strauss' "Friedenstag".
ISBN 978-3-932696-55-8, Hardcover mit Schutzumschlag, 384
Seiten, 48,00 Euro
(=Musik im "Dritten Reich" u. im Exil, Bd. 11)
Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) ist als geschichtliches Ereignis für das
politische Selbstverständnis des NS-Staates von weitaus größerer Bedeutung, als
heute gemeinhin bekannt. In der ersten Zeit des Zweiten Weltkrieges wurde von
den Nazis sogar mit Münster einer der Orte des Westfälischen Friedens als Ort
für die Friedensverhandlungen nach dem erhofften Sieg über Frankreich avisiert
und nicht etwa Versailles. Der von den Nazis geführte Krieg wurde nicht zuletzt
als Wiedergutmachung für den Dreißigjährigen Krieg verstanden und als
"Liquidation des Westfälischen Friedens", wie es in mehreren Tagebucheinträgen
von Joseph Goebbels vermerkt ist.
Die Bedeutung des Dreißigjährigen Krieges
für die NS-Ideologie spiegelt sich auch in der künstlerischen Motivwahl wieder.
In keiner Zeit gab es so viele Adaptionen von Stoffen aus dem Dreißigjährigen
Krieg für das Musiktheater - und auch anderer künstlerischer Gattungen - wie zur
NS-Zeit. Fünf in Deutschland zwischen 1933 und 1938 komponierte
Musiktheaterwerke stehen im Zentrum des vorliegenden Buches, anhand derer der
Hamburger Musikwissenschaftler Mathias Lehmann dieses Phänomen
analysiert.
Diese Musiktheaterwerke brachten durchaus unterschiedliche
politische Positionen zum Ausdruck: Eberhard Wolfgang Möllers Thingspiel Das
Frankenburger Würfelspiel sowie Ludwig Mauricks Oper Simplicius
Simplicissimus stehen eindeutig innerhalb der NS-Ideologie, wogegen Karl
Amadeus Hartmanns Oper Des Simplicius Simplicissimus Jugend als dezidiert
antifaschistisches Werk zu verstehen ist. Richard Mohaupts Ballett Die
Gaunerstreiche der Courasche und Richard Strauss’ Oper Friedenstag
sind in ihrer politischen Ausrichtung ambivalenter und machen in
unterschiedlichem Umfang Konzessionen an das NS-Regime und seine
Ideologie.
In einem ersten historisch-beschreibenden Teil hat der Autor die
ideologischen Rahmenbedingungen beschrieben, zu denen sich die jeweiligen
Musiktheaterwerke positionieren. Im zweiten analytisch-interpretatorischen Teil
wurden die fünf im Zentrum der Arbeit stehenden Werke in Bezug auf ihren
politischen Gehalt und die durch sie tradierten Gesellschaftsbilder hin
vergleichend analysiert. Dabei ist es dem Autor gelungen, nicht nur die
politischen Aussagen der jeweiligen Werke und ihre Positionierung zur
NS-Ideologie analytisch zu bestimmen, sondern auch übergeordnete Schemata und
Methoden zur Politisierung eines musikalischen Textes, sei es im Sinne der
NS-Ideologie, oder sei es gegen diese gerichtet, erkennbar zu machen.
Gleichzeitig stellt die Arbeit einen ersten Schritt in Richtung einer
angemessenen Beschreibung und Interpretation der bis heute stark unterschätzten
Bedeutung des "Dreißigjährigen Krieges" für die NS-Zeit und die Ideologie und
Propaganda der NS-Führung dar.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die behandelten
Werke: Inhalt, Entstehung und Rezeption
2.1 Das Frankenburger
Würfelspiel von Eberhard Wolfgang Möller und Hans Joachim Sobanski
2.2
Die Gaunerstreiche der Courasche von Richard Mohaupt
2.3
Simplicius Simplicissimus von Ludwig Maurick
2.4 Friedenstag
von Joseph Gregor und Richard Strauss
2.5 Des Simplicius Simplicissimus
Jugend von Karl Amadeus Hartmann
3 Rezeption des Dreißigjährigen Krieges
während des „Dritten Reiches"
3.1 Die Bedeutung des Schulunterrichtes für die
nationalsozialistische Propaganda
3.2 Der Dreißigjährige Krieg im
Schulunterricht der NS-Zeit
4 Das Grimmelshausen-Bild in der NS-Zeit
4.1
Die Grimmelshausen-Rezeption während des „Dritten Reiches"
4.2 Die politische
Relevanz der literarischen Form
5 Bemühungen um eine neue Form des
Musiktheaters während der NS-Zeit
5.1 Das „Thingspiel"
5.2 Die
„Volksoper"
6 Struktur und formaler Aufbau der Musiktheaterwerke
6.1
Hartmanns Oper Des Simplicius Simplicissimus
Jugend
6.2 Mohaupts Ballett Die Gaunerstreiche der
Courasche
6.3 Mauricks Oper Simplicius
Simplicissimus
6.4 Strauss’ Oper Friedenstag
6.5 Möllers und Sobanskis Thingspiel Das
Frankenburger Würfelspiel
7 Vom Bezugstext zum Libretto
7.1 Die
Verarbeitung der literarischen Vorlage Grimmelshausens in Hartmanns
Libretto
7.2 Die Verarbeitung der literarischen Vorlage Grimmelshausens in
Mauricks Libretto
7.3 Funktionen der Abweichungen von der Romanvorlage in den
Opernlibretti
7.3.1 Hartmanns Des Simplicius
Simplicissimus Jugend
7.3.2 Mauricks Simplicius
Simplicissimus
7.4 Die Verwendung von Texten Grimmelshausens in den
Libretti von Hartmann und Maurick im Vergleich
7.4.1 Das Lied vom
Bauernstand
7.4.2 Das Nachtigallenlied
7.4.3 Das Landsknechtslied
8
Die Figuren und ihre Charakterisierungen
8.1 Die Schilderung des
Helden
8.1.1 Der Simplicius Simplicissimus in den Opern von Hartmann und
Maurick
8.1.2 Die Courasche in Mauricks Ballett Die Gaunerstreiche der
Courasche
8.1.3 Der Kommandant in Strauss’ Friedenstag – der militärische
Vorgesetzte als Heldentypus
8.2 Die Gegenspieler des Helden
8.2.1 Die
Heldenfigur im Konflikt mit den gesellschaftlichen Verhältnissen
8.2.2 Der
„minderwertige Arier" als Gegenspieler desHelden
8.2.2.1 Die Figur des
Olivier in Mauricks Simplicius
Simplicissimus
8.2.2.2 Holsteiner und Bürgermeister – zwei
unterschiedliche Typen eines Gegenspielers in Richard Strauss’ Friedenstag
8.3 Nebenfiguren und Chöre
9 Die Darstellung des
Kriegsgeschehens
9.1 Die Schilderung der Zerstörung eines Bauernhofes bei
Hartmann und bei Strauss
9.2 Die Funktionen der Kriegsdarstellungen und
Kriegsschilderungen auf der Bühne
9.2.1 Strauss’ Friedenstag
9.2.2 Hartmanns Des Simplicius Simplicissimus
Jugend
9.2.3 Möllers Das Frankenburger Würfelspiel
9.2.4
Mohaupts Die Gaunerstreiche der Courasche
9.2.5
Mauricks Simplicius Simplicissimus
9.3 Die
musikalische Präsenz des Krieges – zur Verwendung des Marsches
9.3.1
Hartmanns Des Simplicius Simplicissimus
Jugend
9.3.2 Mauricks Simplicius Simplicissimus
9.3.3
Sobanskis Musik zu Möllers Das Frankenburger
Würfelspiel
9.3.4 Mohaupts Die Gaunerstreiche der Courasche
9.3.5 Strauss’ Friedenstag
9.4 Die Bedeutung der Opposition
„Krieg" und „Frieden"
10 Die Enthistorisierung des historischen Stoffes
10.1 Die Bedeutung und Funktion des musikalischen Zitates in Hartmanns
Des Simplicius Simplicissimus Jugend
10.2 Exkurs:
Zur Verwendung des jüdischen Liedes Eliahu hanavi in Hartmanns Kompositionen
während der NS-Zeit.
10.3 Das Landsknechtslied und der Soldatenchor –
musikalische Genrezitate und ihre Funktion bei Hartmann, Maurick und
Strauss
10.4 Die Ensemblesätze der Zwischenspiele in Mauricks Simplicius Simplicissimus
11 Schluss-Betrachtung
12
Literaturverzeichnis
12.1 Noten und Primärtexte
12.2 Rezensionen
12.3
Literatur zu den behandelten Musiktheaterwerken und ihren Komponisten
12.4
Weitere verwendete Literatur
Über den Autoren:
Mathias Lehmann,
geb.1969, studierte Musikwissenschaft und Germanistik an der Universität
Hamburg. Nach dem Magister 1998 promovierte er bei Prof. Peter Petersen zum
Thema „Der Dreißigjährige Krieg im Musiktheater während der NS-Zeit". In den
Jahren 2000-2003 war er Stipendiat in der Promotionsförderung des evangelischen
Studienwerkes Villigst e.V. Er ist seit 1996 Mitglied der „Arbeitsgruppe
Exilmusik Hamburg" und seit 2000 Mitglied im „Villigster Forschungsforum zu
Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus". In diesem Rahmen hat er an
der Organisation von Tagungen, Konzerten und anderen Veranstaltungen mitgewirkt
und war an mehreren Veröffentlichungen zu diesen Themenbereichen
beteiligt.